„Es sind extremste emotionale Erfahrungen“ – Was bedeutet Flucht für Kinder und Jugendliche?

Foto: Katerina Ilievska
Foto: Katerina Ilievska

Von heute auf morgen das Zuhause verlassen? Vielleicht sogar die Eltern? Unvorstellbar und doch für so viele Kinder und Jugendliche aus Kriegsgebieten derzeit Realität. Was bedeutet die Flucht eigentlich für diese jungen Menschen? Und wie hilft man ihnen am Besten? Wir haben mit Univ. Prof.in Dr.in Kathrin Sevecke, Direktorin der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Innsbruck, darüber gesprochen.

Frau Dr.in Sevecke, von den etwa 60 Millionen Flüchtlingen weltweit sind rund die Hälfte davon Kinder unter 18 Jahren. Eine sehr hohe und alarmierende Zahl. Was bedeutet eine Fluchterfahrung für Kinder und Jugendliche?

In der Regel ist eine Fluchterfahrung mit sehr extremen Bedingungen und Erfahrungen verbunden. Das sind Erfahrungen, die die Kinder sonst nicht gemacht hätten. Die Schicksalsverläufe sind sicher individuell unterschiedlich, aber meist bedeutet das natürlich, das normale Umfeld der Familie zu verlassen und sich in Ungewissheit zu begeben. Warum es überhaupt zur Flucht kommt und was im Heimatland vorgefallen ist, das wissen wir oftmals nicht oder können es nur erahnen. Inwiefern waren Kriegserlebnisse dort präsent, inwiefern kam es zu Übergriffen für die Familie persönlich usw.

All das sind Erfahrungen der Kinder vor der Flucht. Die Flucht selbst ist wieder mit unterschiedlichsten emotionalen Zuständen verbunden. Im Ausland angekommen durchläuft man vielleicht noch einmal verschiedene Stationen, bis man dann endlich, vielleicht bei Ihnen im SOS-Kinderdorf, ankommt. Kurz, es sind extremste emotionale Erfahrungen, die so nicht altersgerecht und alterstypisch sind.

Foto: schafgans
Univ. Prof.in Dr.in Kathrin Sevecke

Im Zusammenhang mit Flucht fällt oftmals das Wort „Traumatisierung“, das schon fast inflationär verwendet wird. Wie definieren Sie Traumatisierung?

Es stimmt, der Terminus wird inflationär verwendet. Es gibt aber ganz klare medizinisch-psychiatrische Klassifikations- und Diagnosesysteme für diesen Begriff. Also der Begriff der Posttraumatischen Belastungsreaktion ist ein medizinischer Krankheitsbegriff, für den bestimmte Kriterien vorliegen müssen. Nicht alles, was Stress oder Belastung ist, ist auch ein Trauma. Ein Trauma ist im Grunde eine biologische Reaktion auf eine große Bedrohung. Also auf eine Situation, die extreme Angst ausgelöst hat. Ist ein bestimmter Angst- oder Stresspegel erreicht, schaltet das Gehirn auf Notfallreaktion um. Das Erlebte wird dann anders gespeichert und nicht mehr psychisch verarbeitet. Deshalb bleibt ein traumatisches Erlebnis körperlich verankert. Symptome wie Alpträume, Schreckhaftigkeit oder das Aufscheinen von Bildern des Erlebten können beispielsweise Folgen davon sein. Leider sind diese für Kinder nicht separat definiert, sondern fallen in das Definitionssystem für Erwachsene. Bei Jugendlichen funktioniert das schon besser. Aber bei Kindern ist, wie wir wissen, die emotionale Komponente immer anders als bei Jugendlichen. Es  gibt leider, das kritisieren wir auch, keine expliziten Kriterien für Posttraumatische Belastungsstörung für Kinder.

Trauma, oder die Reaktion auf ein Trauma kann also unterschiedlicher Art sein. Es gibt im Prinzip drei Gruppen: Die eine Gruppe hat so viel innere positive Strukturen, also medizinische Resilienzfaktoren, dass sie das selber bewältigen können und keine auffällige krankheitsbedingte Reaktion geschieht.

Die zweite Gruppe entwickelt eine Posttraumatische Belastungsreaktion aus unterschiedlichen Gründen: Weil die Traumatisierung so heftig war oder es zu Mehrfachtraumatisierung kam und weil die eigenen Voraussetzungen, die sogenannten Resilienzfaktoren weniger ausgeprägt waren.

Die dritte Gruppe ist die „auf der Kippe“, hier ist die Betreuung, das Auffangen, das Haltgeben besonders entscheidend.

Sie haben jetzt schon den Punkt „Betreuung“ angesprochen. Was ist aus Ihrer Sicht bei der Betreuung junger Flüchtlinge besonders zu beachten?

Besonders wichtig ist, den Kindern und Jugendlichen wieder emotionale Sicherheit zu geben. Das heißt Halt, Klarheit, Zuversicht und Verständnis zu geben. Auch wieder zu erlernen, und Kinder und Jugendliche haben ja durchaus die Möglichkeit dazu, autonome und eigenständige Entscheidungen zu treffen. Sie sollen nicht das Gefühl haben, sie werden bei allem überrannt und können sich selbst nicht mehr für irgendwas entscheiden. Ein einfaches Beispiel: Was sind meine Interessen und Hobbies? Wie möchte ich meine Freizeit gestalten?

Ein anderer Punkt, den ich sehr wichtig finde und der uns auch hier in der Klinik immer wieder begegnet ist, dass Menschen, die eine Traumatisierung hinter sich haben, ganz unterschiedlichste emotionale Zustände zeigen. Manche dieser Zustände sind für die Mitmenschen besser und manche schlechter auszuhalten. Wenn ein Kind traurig ist und sich zurückzieht, schlecht schläft, weint und wenig isst, ist das schwierig aber fordert eine betreuende Einrichtung nicht in dem Maß, wie wenn ein Kind wütend und zornig ist, mit Gegenständen wirft oder gar Andere bedroht.

Wir wissen, dass die Kinder, die Gewalt erfahren haben, und damit meine ich nicht nur Flüchtlingskinder, dazu neigen, das Erlebte wieder zu inszenieren und damit zu wiederholen.

Diese Situationen sind für eine betreuende Einrichtung sehr schwierig und deshalb ist es wichtig, dass die Betreuenden darauf vorbereitet sind, dass es zu einer Bandbreite von Emotionen seitens der betroffenen Kinder kommen kann. Im Team muss man lernen damit umzugehen und die Umgangsweise z.B. im Rahmen von Supervisionen zu reflektieren.

Ein erneuter Verlust der Umgebung für ein Kind muss möglichst vermieden werden.

Wie ist die Situation hier, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Innsbruck? Merken Sie einen Anstieg dieser Patienten, also geflüchteter Kinder und Jugendlicher?

Im stationären Bereich nehmen wir kaum einen Anstieg wahr. In unserer Ambulanz, wo das Angebot niederschwelliger ist, haben wir mehr Anfragen. Wir haben dafür Termine und sogenannte „Akut-Slots“ eingerichtet, um eine Struktur anzubieten, an die sich die Menschen wenden können. Ich persönlich muss aber sagen, es hat nicht das Ausmaß erreicht, das ich erwartet hätte.

Die eine Frage ist natürlich, wie die PatientInnen auf uns aufmerksam werden. Die andere ist, wann wird eine psychische Symptomatik so auffällig, dass man sich Hilfe sucht. Ohrenschmerzen oder ein Husten sind etwas Unmittelbares, bei emotionalen Zuständen dauert es länger bis man darauf aufmerksam wird.

Wie sieht die Hilfe für geflüchtete Kinder und Jugendliche dann in der Praxis aus? Arbeitet man mit Dolmetschern? Wie werden kulturelle Unterschiede berücksichtigt?

Wir haben eine Mitarbeiterin, die sich seit Jahren mit dem Thema Interkulturelle Psychiatrie auseinander setzt. Natürlich sind auch Dolmetscher mit dabei. In der Regel sind das dann ambulante Termine, wo sehr niederschwellig gearbeitet wird und wir fragen, womit wir helfen können.

Vielen Dank für das Interview!

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